Wie ein Museum seinen Bestand entsammelt

...und dabei die örtliche Bevölkerung einbezieht, das erzählt Museumsleiterin Carmen Simon im Interview.

Frau mit langen blonden Haaren hält lächelnd einen Hut in die Kamera.
Carmen Simon, Leiterin des Regionalmuseums Chüechlihus, am "entsammeln". | © Carmen Simon / Regionalmuseum Chüechlihus
| Langnau im Emmental, Schweiz

Was passiert, wenn ein Museum seine Sammlung nicht nur verwaltet, sondern gemeinsam mit der Öffentlichkeit neu denkt? Das Team des Regionalmuseums Chüechlihus in der Schweiz probierte es aus: Mit dem Projekt Alt sucht Neu öffnete das Haus einen sonst internen Prozess – das Entsammeln von kulturhistorischen Objekten – für die Bevölkerung und machte ihn damit verhandelbar. Bürger*innen entschieden mit, welche Objekte bleiben und welche gehen. 

Im Interview für den MFG Newsletter Digitale Kultur erzählt Museumsleiterin Carmen Simon, wie die Idee entstand, wie das Projekt bei der Bevölkerung ankam und was sie anderen Museen empfehlen würde. 

Wie kam es zu dem Projekt „Alt sucht Neu“?

Der Ausgangspunkt für das Projekt „Alt sucht Neu“ war zunächst ein sehr praktischer Anlass. Im Regionalmuseum Chüechlihus stand die Verlagerung unserer rund 25 000 Objekte umfassenden Sammlung in ein neues – den heutigen Museumsstandards entsprechendes – Depot an. Dieser Schritt bedeutete für uns, dass wir jedes Objekt in die Hand nehmen, seinen Zustand überprüfen und auch seine Bedeutung für die Sammlung kritisch hinterfragen mussten. In diesem Zusammenhang wurde uns bewusst, dass dieser Prozess eine gute Gelegenheit bietet, uns intensiver mit der Frage zu beschäftigen, welche Objekte wir langfristig in der Sammlung behalten möchten und welchen wir möglicherweise ihrer musealen Funktion nicht gerecht werden können.

Gleichzeitig war es uns wichtig, diesen Prozess nicht ausschließlich intern im Museum und der Trägerschaft zu führen. Die Sammlung ist Teil des kulturellen Erbes der Region, und gehört dementsprechend auch den Emmentaler*innen. Aus diesem Grund erschien es uns sinnvoll, auch die eigentlichen Eigentümer*innen – die Bevölkerung – in diese Überlegungen und Entscheidungen einzubeziehen. Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen über Partizipation im Museumswesen entstand so die Idee, den Entsammlungsprozess bewusst transparent zu gestalten und als partizipatives Projekt umzusetzen. Auf diese Weise wollten wir ausprobieren, wie sich museale Entscheidungsprozesse öffnen lassen und welche Perspektiven dadurch zusätzlich sichtbar werden.

Welche Rolle spielte die lokale Bevölkerung im Entscheidungsprozess darüber, welche Objekte entsammelt werden und wie?

Die Emmentaler*innen (Einwohnerinnen und Menschen mit Heimatrecht im Emmental) spielten in diesem Projekt eine zentrale Rolle. Über die Online-Plattform ENTSAMMELN.CH konnten Bürger*innen aktiv darüber abstimmen, welche Objekte weiterhin Teil der Sammlung bleiben sollten und welche aus der Sammlung entlassen werden könnten, sowie mitentscheiden, wer schließlich das jeweilige Objekt erhält. Uns ging es dabei nicht nur darum, Meinungen einzuholen, sondern auch darum, unterschiedliche Perspektiven auf die Objekte sichtbar zu machen. Viele Menschen verfügen über eigene Erfahrungen oder Erinnerungen im Zusammenhang mit solchen Alltagsgegenständen, und dieses Wissen wollten wir bewusst in den Entscheidungsprozess einbeziehen.

Darüber hinaus haben wir einen sogenannten Objektrat eingerichtet. Dieser kam jeweils am Ende jeder Entscheidungsphase und wenn die Onlineabstimmung beendet war, zusammen. Das Gremium setzte sich aus Vertreter*innen verschiedener gesellschaftlicher Bereiche zusammen, darunter Personen aus Politik, Verwaltung und dem Museum selbst, aber auch ausgeloste Bürger*innen aus der Region. Wichtig war uns dabei, dass die institutionellen Vertreter*innen bei Entscheidungen bewusst in der Minderheit waren. Die Stimmen des Objektrats wurden jeweils zu den Stimmen der Onlineabstimmung dazugezählt. Zusammen mit den Ergebnissen der Online-Abstimmungen hatte die Bevölkerung somit einen maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidungen über die Zukunft der Objekte.

Wie kam das Projekt bei der Bevölkerung an? Wie viele haben sich beteiligt?

Die Resonanz auf das Projekt hat uns insgesamt sehr positiv überrascht. Schon früh haben wir gemerkt, dass das Thema auf großes Interesse stößt, sowohl in der Region selbst als auch darüber hinaus. Viele Menschen fanden es spannend, dass ein Museum einen normalerweise eher internen Prozess wie das Entsammeln öffentlich macht und die Bevölkerung aktiv daran beteiligt. Dadurch wurde auch eine Diskussion darüber angestoßen, welche Bedeutung Museen und Museumssammlungen heute haben und wie mit regionalem Kulturerbe umgegangen werden sollte.

Auch die Beteiligungszahlen zeigen, dass das Angebot tatsächlich genutzt wurde. Insgesamt haben sich 1.939 Personen an den Online-Abstimmungen beteiligt. Darüber hinaus wurden 913 Bewerbungen eingereicht, in denen andere Museen, Schulen, Vereine, aber beispielsweise auch Privatpersonen Ideen für eine zukünftige Nutzung der Objekte vorgeschlagen haben. Wir haben schließlich gut 2.500 Gegenstände partizipativ entsammelt. Unsere Projektplattform verzeichnete zudem rund 27.692 Zugriffe aus verschiedenen Ländern, was zeigt, dass das Projekt auch international auf Interesse gestoßen ist.

Wie haben Sie den mehrstufigen Ablauf – von der Vorauswahl über Online-Abstimmungen bis zur Weitergabe der Objekte – praktisch organisiert?

Der gesamte Prozess war bewusst mehrstufig angelegt und erstreckte sich über mehrere Jahre. Zunächst haben wir im Museum eine Vorauswahl getroffen und diejenigen Objekte identifiziert, die aus unserer Sicht für eine mögliche Entsammlung in Frage kommen könnten. Diese Objekte wurden dokumentiert, fotografiert und anschließend sowohl online als auch in Ausstellungen präsentiert, sodass sich die Öffentlichkeit ein eigenes Bild davon machen konnte.

Darauf folgten in jedem Entsammlungsjahr mehrere Beteiligungsphasen. In einem ersten Schritt konnten die Emmentaler*innen online und die Menschen im Objektrat vor Ort darüber abstimmen, welche Objekte weiterhin in der Sammlung bleiben sollten. Für diejenigen Objekte, die zur Entsammlung freigegeben wurden, konnten interessierte Museen, Schulen, Vereine oder auch Privatpersonen – auch außerhalb der Region – anschließend Bewerbungen einreichen und Ideen für deren zukünftige Nutzung formulieren. Über die überzeugendsten Vorschläge entschieden schließlich wieder die Emmentaler*innen – zuerst online und anschließend die Objekträt*innen. Die ausgewählten Gewinner*innen erhielten die Objekte schließlich im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen – dem Chüechlihus-Sunndig.

Welche Ressourcen waren für die Umsetzung der Online-Plattform und der Beteiligungsprozesse zentral?

Ein Projekt dieser Größenordnung erfordert natürlich entsprechende Ressourcen. Das Kernteam bestand bei uns aus drei Personen, die für die Projektleitung, Kommunikation und Durchführung verantwortlich waren. Ein großer Teil der Arbeit lag in der Entwicklung und Betreuung der Online-Plattform, die das zentrale Instrument für Abstimmungen, Bewerbungen und Information war. Darüber hinaus spielte auch die Öffentlichkeitsarbeit eine wichtige Rolle, etwa durch Veranstaltungen, Ausstellungen und die kontinuierliche Kommunikation mit den Beteiligten auf allen Ebenen wie beispielsweise der Trägerschaft, dem Museumsteam, der Bevölkerung, der Fachcommunity und noch vielen mehr.

Auch finanziell war das Projekt entsprechend aufgestellt. Ein großer Teil der Kosten entfiel auf Personalkosten, was zeigt, wie arbeitsintensiv partizipative Prozesse sind. Eine wichtige Unterstützung erhielten wir durch die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, die einen großen Teil der externen Kosten übernommen hat. Gleichzeitig hat das Museum selbst erhebliche Eigenleistungen eingebracht, etwa in Form zusätzlicher Arbeitszeit und organisatorischer Ressourcen.

Was waren die überraschendsten oder lehrreichsten Rückmeldungen aus der Bevölkerung und dem Fachpublikum während des Projekts?

Besonders spannend war für uns zu sehen, wie viel Wissen aus der Bevölkerung zurück in unsere Institution geflossen ist. Viele Menschen konnten konkretes Wissen, aber auch persönliche Erinnerungen oder praktische Erfahrungen zu bestimmten Objekten beitragen, die uns als Museum vorher nicht bekannt waren. In einigen Fällen hat dieses zusätzliche Wissen sogar dazu geführt, dass wir die Bedeutung einzelner Objekte neu bewertet haben und sie schließlich doch in der Sammlung belassen wurden.

Gleichzeitig hat das Projekt auch Diskussionen ausgelöst, vor allem innerhalb der Museumswelt. Einige Stimmen waren zunächst skeptisch gegenüber der Idee, museale Entscheidungsprozesse so stark zu öffnen. Gleichzeitig haben wir aber auch viel Interesse und positive Rückmeldungen erhalten, gerade weil das Projekt neue Wege im Umgang mit Sammlungen ausprobiert hat. Für uns war diese Mischung aus Zustimmung, kritischen Fragen und fachlichem Austausch wertvoll.

Welche Empfehlungen haben Sie für andere Museen, die einen offenen oder partizipativen Prozess planen?

Unsere wichtigste Empfehlung wäre, Partizipation wirklich ernst zu nehmen. Wenn man die Öffentlichkeit einbezieht, sollte das nicht nur symbolisch geschehen, sondern echte Mitwirkung ermöglichen. Das bedeutet auch, dass man bereit sein muss, Entscheidungsprozesse zu teilen und sich auf unterschiedliche Perspektiven einzulassen. Transparenz und klare Kommunikation sind dabei entscheidend, damit die Beteiligten nachvollziehen können, wie Entscheidungen zustande kommen.

Gleichzeitig sollte man den organisatorischen Aufwand nicht unterschätzen. Partizipative Projekte erfordern Zeit, personelle Ressourcen und eine gute Vorbereitung. Es braucht geeignete Formate für Beteiligung, eine funktionierende (digitale) Infrastruktur und kontinuierliche Kommunikation mit den Teilnehmenden. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, können solche Prozesse sehr bereichernd sein – sowohl für das Museum selbst als auch für die Menschen außerhalb. Bei uns waren sie sogar so bereichernd, dass sich das partizipative Arbeiten in den Museumsstrukturen manifestiert hat. Wir wollen auch in Zukunft vermehrt mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Mit "spychere! Wissen von hier" wollen wir in den kommenden Jahren das lokale Wissen gemeinsam mit den Bürger*innen erforschen: e-spycher.ch.

Die größte Freude für uns ist, wenn wir mit unserer Arbeit inspirieren und andere Institutionen unterstützen können. In diesem Jahr haben wir deshalb auch aufgrund großer Nachfrage die Publikation zum Entsammlungsprojekt veröffentlicht. #ALTSUCHTNEU ist eine Dokumentation, eine Rückschau und eine Analyse der geleisteten Arbeit. Sie enthält aber auch Anleitungen, Dokumente und Tools, die gerne für partizipative (Entsammlungs-)Projekte übernommen und angepasst werden dürfen. Und wer dafür noch Überzeugungsarbeit leisten muss, bekommt in der herausnehmbaren Broschüre "DEAKZESSION ENTSAMMELN. 10 Gründe dafür – und einer dagegen" konkrete Argumente zum Weitergeben an die Hand.

Wir freuen uns also auf Bestellungen und den gemeinsamen Austausch!

Quelle: MFG Baden-Württemberg
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